Der Himmel draußen und unsere Würde unter ihm

Sebastian Huber über "angry men" und den Thriller DAS HIMMELSZELT

Ayana Jackson, feb 2016 show

1759 ist ein bedeutendes Jahr in der englischen Geschichte. In der Mitte des Siebenjährigen Krieges (1756–1763), eines globalen Konflikts, den man als einen ersten Weltkrieg bezeichnen könnte, verlor Frankreich in den Seeschlachten bei Lagos und in der Bucht von Quiberon den Kampf um die Vormacht auf den Meeren an England, gleichzeitig mussten sie Québec aufgeben und verloren Guadeloupe an die Briten, die den Handel mit Zucker und Versklavten von ihnen übernahmen. Es ist mit einem Wort das Jahr, das den Aufstieg Englands zur Großmacht markiert.

Es geht darum, wie Demokratie arbeitet, was es heißt, eine Stimme abzugeben, und wie man innerhalb der vorhandenen Strukturen Handlungsmacht erlangen kann

Im gleichen Jahr, am 13. März 1759, kommt Halleys Komet der Erde nahe, einer der lichtstärksten Himmelskörper, mit dessen Wiederkehr alle 74 bis 79 Jahre gerechnet wird, das nächste Mal am 28. Juli 2061.

Lucy Kirkwoods neues Stück spielt im Jahre 1759 in einem Dorf im Osten Englands, und obwohl der Schauplatz weit abgelegen vom Weltgeschehen scheint, wird er von beiden Ereignissen zumindest gestreift. Denn nicht nur wird Halleys Erscheinen von den Dorfbewohnerinnen mit Neugier und abergläubischem Respekt erwartet, sondern ein Gerücht besagt, dass William Pitt, der informelle Premier, dem England seine Triumphe über Frankreich dankt, in der Gegend zu Besuch gewesen sei, und die Qualität der Gurken seines alten Eton-Freundes Lord Wax bewundert habe. Der Mord an der Tochter des reichen Lords steht im Mittelpunkt des Stücks. Und auch wenn er nie auftritt, wie überhaupt kaum Männer in diesem Stück auftreten, ist die politische und ökonomische Macht, wie auch die physische und sexualisierte Gewalt, die von ihm und seinesgleichen ausgeht, eine entscheidende Größe in DAS HIMMELSZELT.

Als 1957 Sidney Lumets Film „Die zwölf Geschworenen“ nach dem Fernsehspiel von Reginald Rose erschien, war es ein Drama der Gerechtigkeit. Eine Jury aus zwölf weißen „angry men“ sollte in die Lage versetzt werden, ihr vorgefasstes Urteil über einen 18-jährigen Puertoricaner, dem der Mord an seinem Vater zur Last gelegt wurde, zu revidieren. Sie hatten zu urteilen über einen, von dessen Leben sie keine Ahnung hatten, und der am Ende nicht als unschuldig galt, sondern „nur“ nicht ohne begründete Zweifel schuldig gesprochen werden konnte. Zu dieser Einsicht hatte dem Gremium ein von Henry Fonda gespielter heroischer Einzelner verholfen, der sich mutig dem „common sense“ entgegengestellt.

Während die „angry men“ in Lumets Film also aus ihrer strukturellen Blindheit herausgeführt werden sollen zu einer an Fakten orientierten Urteilsfindung, die auf die Möglichkeit vertraut, die eigenen sozialen und biografischen Prägungen hinter sich lassen zu können, wissen die Frauen in „Das Himmelszelt“ in unterschiedlichem Maße bereits, wie unmöglich das in ihrer Lage ist. Die Verurteilte ist ihnen nicht „fremd“ wie der Puertoricaner den Geschworenen, sondern ausgesprochen vertraut. Da sie in mehr als einer Hinsicht Gegenstand der Untersuchung ist, befindet sie sich anders als der Angeklagte im Film, der bis auf einen kurzen Moment unsichtbar bleibt, die ganze Zeit mit der Jury auf der Bühne. Geburten und Tode, Erfahrungen männlicher Gewalt und eigener Ohnmacht haben diese Frauen alle mit der jungen Sally Poppy gemein. Sie sind, etwas pathetisch gesprochen, allesamt Verurteilte, insofern sie von dem Recht, das sie hier sprechen sollen, selber niemals Gerechtigkeit zu erwarten haben.

DAS HIMMELSZELT ist – die Autorin hat mehrfach darauf hingewiesen – vor dem Hintergrund der Debatten um den Brexit entstanden

In dem ungemein präzise gearbeiteten Thriller, der sich nun in diesem Nebenraum des Rechts abspielt, erweisen sich die Verstrickungen in den Fall und die emotionale Beteiligung der Jurymitglieder an ihm nicht so sehr als Beschränkungen ihrer Urteilskraft, sondern geradezu als Erkenntnisinstrumente, weil sie die Ähnlichkeit, wo nicht Gemeinsamkeit von Erfahrungen zum Vorschein bringen. Aber der Raum, in dem sich die Frauen bewegen, lässt keinen Moment eingebildeter oder echter Verschwisterung zu. Nicht nur, weil die Frauen dauernd von einem zum Schweigen verurteilten Gerichtsdiener bewacht werden und vor dem Gebäude ein lüsterner Mob auf die Vollstreckung des Urteils wartet, sondern vor allem, weil Lucy Kirkwood ihre Figuren zu genau kennt. Das Stück ist in einem Maße unsentimental und präzise in den Porträts der Figuren, dass es immer wieder verschreckende Momente hervorbringt. Und ein „baker’s dozen“ an guten bis großartigen Rollen für Schauspielerinnen.

DAS HIMMELSZELT ist – die Autorin hat mehrfach darauf hingewiesen – vor dem Hintergrund der Debatten um den Brexit entstanden. Darauf deutet nicht nur der Verweis auf das „annus mirabilis“ der englischen Kolonialgeschichte hin, ein Kontext, der die Enteignung, Vergewaltigung und Kolonisierung der weiblichen Körper im Stück reflektiert und in der weißen, männlichen Historie verortet. Für Kirkwood stellt sich die Frage in Bezug auf die aktuelle Lage darüber hinaus noch grundsätzlicher: "Es geht darum, wie Demokratie arbeitet, was es heißt, eine Stimme abzugeben, und wie man innerhalb der vorhandenen Strukturen Handlungsmacht erlangen kann."

Auch wenn das den Frauen im Stück am Ende nicht gelingen wird, weil die Strukturen noch zu übermächtig sind, reicht die Frage drängend in die Gegenwart, wenigstens bis zur nächsten Wiederkunft von Halleys Komet.

DAS HIMMELSZELT

von Lucy Kirkwood
ab 27.9.2020 im Burgtheater

Regie: Tina Lanik

In einem kleinen Dorf an der englischen Ostküste kämpft eine verurteilte Mörderin um ihr Leben. Sally Poppy ist angeklagt worden, gemeinsam mit ihrem Liebhaber ein junges Mädchen ermordet zu haben. Als ihr Todesurteil verkündet wird, behauptet sie schwanger zu sein. Da das Urteil gegen sie nicht zugleich an dem unschuldigen Leben in ihrem Körper vollstreckt werden kann, müsste die Hinrichtung in dem Fall ausgesetzt werden. Um die Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Behauptung festzustellen, werden zwölf Frauen des Dorfes als Geschworene von ihrer häuslichen Arbeit abberufen. Derweil schreit draußen der Mob nach Blut – und die Matronen ringen mit einem Rechtssystem, das ihnen fremd und feindlich gegenübersteht.

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