SCHREIBWEISEN #2: Ich offenbare mein Herz

Schreibweisen
von Lies Pauwels

In Folge #2 erklärt Lies Pauwels, Regisseurin und Autorin aus Belgien, wie der Theaterabend STADT DER AFFEN entstanden ist – ein Kunstwerk, bei dem gehörlose Jugendliche gleichberechtigt mit Schauspieler*innen des Ensembles auf der Bühne stehen.

© Matthias Horn
Schreibweisen gibt es so viele, wie es Autor*innen gibt. In der neuen Rubrik geben Theatermacher*innen Einblicke in ihre Arbeitsprozesse. Wie entsteht ein neues Stück?

Es fällt mir immer schwer zu erklären, wie ich meine Stücke aufbaue oder wie ich mit dem Schreiben beginne. Einige Entscheidungen treffe ich bewusst, aber meistens ist der Ausgangspunkt ein unbestimmtes Gefühl über etwas, das mir zwar bekannt vorkommt, das ich aber noch nicht benennen kann. Ich weiß nur, dass es sich um einen Auslöser handelt – etwas, das einen Inhalt birgt, eine Blaupause für ein Gefühl, die aufgefaltet werden will.

Ich lote die tiefere Bedeutung der Komponenten aus, wobei ich berücksichtige, dass diese für mich anderswo liegen kann als für andere Menschen. Wahrscheinlich lehne ich es deshalb ab, meinen Stücken Bedeutung im herkömmlichen Sinne zu geben. Wenn Sie in meinen Werken diesbezüglich nach greifbaren Anhaltspunkten suchen, ist das wahrscheinlich vergebens. 

Ich suche keine stützende Hand. Dafür offenbare ich mein Herz. Die Aufführungen sind immer eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen Untiefen. Aber vor allem suche ich nach Möglichkeiten, die Menschen mit ihrem Innersten in Verbindung zu bringen. Mir gefällt der Gedanke, dass sich das Publikum von einer Aufführung erkannt fühlen könnte. Oder dass die Aufführung zu dem wird, wie du bist. Ich jongliere mit Werten und Normen in jedem Sinne. Vielleicht ist das verwirrend für einige und erhellend für andere.

Die Aufführungen sind immer eine Auseinandersetzung mit meinen eigenen Untiefen. Aber vor allem suche ich nach Möglichkeiten, die Menschen mit ihrem Innersten in Verbindung zu bringen. Mir gefällt der Gedanke, dass sich das Publikum von einer Aufführung erkannt fühlen könnte.

Natürlich habe ich eine Meinung, aber für mich ist die Bühne keine Plattform für Meinungen. Vielmehr gestalte ich „Formen der Betrachtung“. Für mich ist eine Aufführung ein Kontext, ein Zeitrahmen. Und das Wesen kreativen Schaffens ist es herauszufinden, was überhaupt die Frage ist. Das Rationale wird abgeschafft und das Emotionale – und Irrationale – betritt die Arena, um sich zu äußern. In diesem Zusammenhang sind Bilder und grundlegende Sinneseindrücke ein komplexes Gesamtgefüge, in dessen Schichten es keine Hierarchie gibt: Text, Farbe des Spiels, Bilder, Kostüme, Musik, Ausstattung – sie alle sind im Austausch miteinander. Klare Entscheidungen beim Casting sind so etwas wie eine Initialzündung, wobei davor noch ein Prozess des Denkens steht, des Lesens und Ansehens von Filmen und Bildern. In dieser ersten Phase schreibe ich auch. Das Schreiben dient aber eher dem Zweck, Klarheit in meinem Denken und Gegendenken zu schaffen. Es ist eine unerbittliche Suche nach unbekannten Perspektiven und Erkenntnissen. Damit werden auch alle Widersprüche und Reibereien abgehandelt, die sich daraus ergeben. 

Als Erstes schreibe ich Gedichte, um den Inhalt aus einer eher unbewussten Perspektive zu betrachten. Es ist eher so, dass ich bei der Arbeit daran herausfinde, wie ich es angehe, anstatt dass ich es von Anfang an weiß. Ich brauche Zeit, um den Input und die gegenseitige Wechselwirkung zwischen meiner Welt und dem Input der Darsteller*innen zu verstehen, egal ob ausgebildete Schauspieler*innen oder nicht. Ich liebe das! Es ist ein Privileg, mit einer Welt in Verbindung zu treten, die man nur aus der Ferne kennt. 

Ich möchte, dass die Schauspieler*innen kreativ sind, dass sie ihre Ansichten und ihre persönliche Energie in das gesamte Stück einbringen. Es geht nicht darum, eine Rolle zu spielen, sondern darum, etwas zu sein. Deshalb arbeite ich gerne mit Improvisationen. Für mich ist das der beste Weg, um Unerwartetes zu entdecken. Es ist nicht allen gegeben, darin gut oder demgegenüber aufgeschlossen zu sein. Aber für mich ist es eine Art, wie ich kreativ sein kann. Ich folge beim Schreiben ganz meiner Inspiration, die aus diesen Improvisationen kommt. 

Wenn ich direkt nach den Eindrücken aus der Probe schreibe, beginne ich mit einem Satz oder auch nur mit einem Wort. Oder mit einem Geräusch, einem Seufzer, einem Schrei, einer Bewegung, einem Kontext oder sonst etwas, das meine Fantasie anregt. Es ist wie ein Blitz, der mich während der Proben trifft. Nach dem Schreiben prüfe ich den Text im Vergleich zu den anderen Schichten. Manchmal findet der Text erst nach einiger Zeit seinen Weg und seinen Platz, in dem er bleiben kann – und manchmal nicht. 

Das Schreiben des Texts hängt sehr von den speziellen Schwingungen ab, die von einem Menschen ausgehen. Ich versuche diese Schwingungen zu verstehen und einzufangen in dem Werk, das ich erschaffen möchte. Ich bin erfüllt von meinem Vorhaben, möchte aber ganz unvoreingenommen sein, was die Umsetzung betrifft. Alles inspiriert mich und eine Idee ergibt die nächste, selbst, wenn sie auf den ersten Blick wertlos erscheint. Dabei bleibe ich offen für alles – bis ganz zum Schluss. Ich will das Unerwartete und den Zufall. Das ist anstrengend, aber nur auf diese Weise kann ich den Augenblick mit dem Einzigartigen verbinden.

Oft kommen nach einer Aufführung Leute zu mir und sagen, wie sehr sie von einigen Momenten berührt waren, die für sie völlig unerwartet waren. Dann weiß ich, dass die Schichten ineinandergreifen. Es ist nicht seltsam und abwegig, sondern meine feste Überzeugung, dass das Leben paradox ist. Theaterstücke werden oft inszeniert, um das Paradox zu verstehen, zu entschlüsseln und die damit verbundenen Ängste zu zähmen. Aber ich denke, ich versuche, das Paradoxon zu gestalten. Und die Besetzung mit Laien ist die Metapher. Sie trägt die Dynamik, wirft ein neues Licht auf die Dinge, ist das Gewissen, die Emotion, das Verständnis, die Offenheit, die Sachkunde – die Realität neben der Bühnenrealität.

© Matthias Horn

Lies Pauwels

geboren 1968 in Gent (Belgien), ist Regisseurin und Schauspielerin. Seit 2001 konzentriert sie sich hauptsächlich auf ihre eigenen Kreationen, für die sie weitgehend auf Basis von Improvisationen arbeitet – u.a. am Schauspielhaus Bochum und am Theater Hetpaleis in Antwerpen.

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