„Ich kann nur spielen, es zu sein"

Fundstück
von Jean-Paul Satre

In dieser Ausgabe mit Jean-Paul Sartre und einer Betrachtung zur Theatralität unseres Daseins. Sartres Schlüsselwerk GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT in der Regie von Martin Kušej feiert am 19. Februar 2022 am Burgtheater Premiere.

 

Regina Fritsch, Tobias Moretti, Dörte Lyssewski
© Matthias Horn
In dieser Rubrik stellen wir literarische Fundstücke vor – aus der Feder von Schriftsteller*innen, die am Burgtheater aufgeführt werden.
Jean-Paul Sartre
© Moshe Milner

Beobachten wir einen Kellner im Café. Er hat lebhafte und eifrige Bewegungen, etwas allzu präzise, etwas allzu schnelle, er kommt mit einem etwas zu lebhaften Schritt auf die Gäste zu, er verbeugt sich mit etwas zuviel Beflissenheit, seine Stimme, seine Blicke drücken ein Interesse aus, das etwas zuviel Aufmerksamkeit für die Bestellung des Gastes enthält, nun kommt er endlich zurück und versucht, mit seinem Gang die unbeugsame Strenge irgendeines Automaten zu imitieren, während er gleichzeitig sein Tablett mit einer Art Seiltänzerkühnheit trägt, indem er es in einem ständig labilen ständig gestörten Gleichgewicht hält, das er mit einer leichten Bewegung des Arms und der Hand ständig wiederherstellt. Sein ganzes Verhalten wirkt auf uns wie ein Spiel. Er bemüht sich, seine Bewegungen ineinander übergehen zu lassen, als wären sie Mechanismen, die einander steuern, seine Mimik und sogar seine Stimme wirken wie Mechanismen; er legt sich die Geschmeidigkeit und erbarmungslose Schnelligkeit der Dinge bei. Er spielt, es macht ihm Spaß. Aber was spielt er? Man braucht ihn nicht lange zu beobachten, um sich darüber klarzuwerden: er spielt Kellner sein. Darin liegt nichts Überraschendes: das Spiel ist eine Art Sichzurechtfinden und Erkunden.

Text vorlesen lassen – Von Robert Reinagl

Eine Lebensmittelhändler*in, die träumt, ist für die Käufer*in beleidigend, weil sie nicht mehr ganz eine Lebensmittelhändler*in ist.

Das Kind spielt mit seinem Körper, um ihn zu erforschen, um eine Bestandsaufnahme davon zu machen; der Kellner spielt mit seiner Stellung, um sie zu realisieren. Das ist für ihn ebenso notwendig wie für jeden Kaufmann: ihre Stellung ist ganz Zeremonie, die Kundschaft verlangt von ihnen, dass sie sie wie eine Zeremonie realisieren, es gibt den Tanz der Lebensmittelhändler*in, der Schneider*in, der Auktionator*in, durch den sie sich bemühen, ihre Kundschaft davon zu überzeugen, dass sie weiter nichts sind als eine Lebensmittelhändler*in, eine Schneider*in, eine Aukrionator*in. Eine Lebensmittelhändler*in, die träumt, ist für die Käufer*in beleidigend, weil sie nicht mehr ganz eine Lebensmittelhändler*in ist. Die Höflichkeit verlangt, dass sie sich in den Grenzen ihrer Lebensmittelhändlerfunktion hält, wie der Soldat beim Strammstehen sich zum Soldat-Ding macht mit geradeaus gerichtetem Blick, der aber nicht sieht, der nicht mehr dazu da ist, zu sehen, denn die Vorschrift und nicht sein augenblickliches Interesse bestimmt den Punkt, den er zu fixieren hat. Das sind Vorkehrungen, die den Menschen in dem einsperren sollen, was er ist. Als ob wir in der ständigen Furcht lebten, dass er daraus entweicht, dass er plötzlich aus seiner Stellung herausspringt und sie umgeht. Aber parallel dazu kann ja der Kellner von innen her nicht unmittelbar Kellner sein, so wie dieses Tintenfaß Tintenfaß ist oder das Glas Glas ist. Er kann durchaus reflexive Urteile oder Begriffe über seine Stellung haben. Er weiß genau, was sie „bedeutet“: die Verpflichtung, um fünf Uhr aufzustehen, vor dem Öffnen des Lokals den Boden zu kehren, die Kaffeemaschine anzustellen usw. Er kennt die Rechte, die mit ihr verbunden sind: das Recht auf Trinkgeld, die gewerkschaftlichen Rechte usw. Aber alle diese Begriffe, alle diese Urteile verweisen auf das Transzendente. Es handelt sich um abstrakte Möglichkeiten, um Rechte und Pflichten, die einem „Rechtssubjekt“ verliehen sind. Und es ist gerade dieses Subjekt, das ich zu sein habe und das ich überhaupt nicht bin. Nicht, dass ich es nicht sein möchte, oder dass ich wollte, dass es ein anderes wäre. Vielmehr gibt es kein gemeinsames Maß zwischen seinem Sein und dem meinen. Es ist für die andern und für mich selbst eine „Vorstellung“, das bedeutet, dass ich es nur als  „Vorstellung” sein kann. Aber gerade wenn ich es mir vorstelle, bin ich es überhaupt nicht, ich bin von ihm getrennt wie das Objekt vom Subjekt, getrennt durch nichts ( „rien”), aber dieses nichts isoliert mich von ihm, ich kann es nicht sein, ich kann nur spielen, es zu sein, das heißt mir einbilden, dass ich es sei. Und eben dadurch affiziere ich es mit Nichts ( „néant”). Ich mag noch so sehr die Funktionen eines Kellners erfüllen, ich kann es nur in neutralisierter Weise sein, so wie der Schauspieler Hamlet ist, indem ich mechanisch die typischen Bewegungen meines Berufs mache und mich über diese zum Analogon genommenen Bewegungen als imaginären Kellner betrachte.
 

Jean-Paul Sartre: „Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie”. Deutsch von Hans Schöneberg und Traugott König, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 1993.

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