Nation ist eine große Integrationsmaschine

Aleida Assmann im Gespräch mit Andreas Karlaganis

Sujetbild Faust

Sollten wir über Nationen neu nachdenken? Wie sehr prägt uns deren Geschichte bis heute? Aleida Assmann hat in ihrer langen Karriere, gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann, das Konzept des kulturellen Gedächtnisses, des kollektiven Erinnerns und Vergessens entwickelt. Burgtheater-Dramaturg Andreas Karlaganis sprach mit der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels über den Begriff der Nation, die Kraft von Geschichten und Kleists Drama der Geburt einer Nation, DIE HERMANNSSCHLACHT.

Kaum ein Wort löst gegenwärtig so viele unterschiedliche Emotionen aus wie das der Nation. Woran liegt das?

Das Wort stammt nicht nur aus dem Lexikon, sondern ist mit einer ambivalenten Geschichte verbunden. Die Nation kann ein Segen, kann aber auch ein Fluch sein. Der Fluch muss nicht immer entstehen, es können auch die positiven Anteile überwiegen. Im Moment überwiegt der negative Klang. Allerdings ist das ein deutsches Phänomen. In anderen Nationen gibt es andere Grundlagen für die Deutung dieses Wortes. Das hat mit der Geschichte zu tun.

Wann entstanden Nationen?

Der Nationalstaat ist eine moderne Entwicklung, die nicht vor die Aufklärung zurückgeht. Und es handelt sich um ein beispielloses Erfolgsrezept. Heute gibt es kaum noch eine Region auf der Welt, die nicht in Form eines Nationalstaats existiert. Die Staaten können wiederum verschiedene Formate haben, von der Diktatur bis zur Demokratie, von der autoritären Demokratie, die wir inzwischen auch haben, zur liberalen und so weiter. Es gibt alle Varianten.

Warum ist das Konzept so bedeutend geworden?

Es ist verbunden mit der Auflösung dessen, was vorher war: „Das Christliche Abendland“, „Habsburg“, „Das Heilige Römische Reich deutscher Nation“, das waren klobige Namen für Sammelsurien. Die Großreiche existierten als Vielvölkerstaaten und waren heterogene Gebilde. Das Moderne am Nationsbegriff war, dass der Demos, das Volk selber, in den Mittelpunkt trat und sich als selbstbewusstes Subjekt der Geschichte profilierte. Nicht der Staat, nicht die Organisationsform, allein der Wille des Volkes war der Souverän. Diese Initialzündung hat eine Begeisterungswelle ausgelöst und eine starke Integrationskraft gehabt: Bis dahin heterogene Gruppen finden in einem gemeinsamen Wir zusammen. Sich zu entdecken als Geschichtssubjekt und Freiheit zu fordern gegenüber einer als Unterdrückung empfundenen Macht hat enorme mobilisierende Kraft. Das ist das, was den Nationalstaat so erfolgreich gemacht hat.

"Man braucht eine Vision oder Geschichte zur Mobilisierung eines gemeinsamen Wir."

Trotz der Verhältnismäßig kurzen Geschichte berufen sich viele nationen in ihren narrationen auf ereignisse, die weit  zurückliegen

Ich finde den Begriff des Erweckungsnationalismus sehr treffend. Das Subjekt, das sich konstituiert, muss sich eine Geschichte oder Aufgabe zulegen. In Amerika war es zum Beispiel das Konzept „Manifest Destiny“. Das habe ich gelernt, als ich dort ein Jahr in die Schule gegangen bin. Ich konnte mir damals unter diesen Worten gar nichts vorstellen. Sie beziehen sich auf einen göttlichen Plan für das Schicksal der Nation, das darin besteht, das Land von Osten bis nach Westen zu erobern und zu kolonialisieren. Das ist der „Mythos Amerika“: die Freiheit, die Grenze nach Westen zu verschieben.

Also eher eine Zukunftsgeschichte als eine Herkunftsgeschichte?

Genau. Und als man am Pazifik angekommen war, wurde die Grenze nach oben in Richtung Weltraum verschoben! Man braucht eine Vision oder Geschichte zur Mobilisierung eines gemeinsamen Wir. In Europa hat man sich dagegen Herkunftsgeschichten ausgedacht. Erweckungsnationalismus heißt: Ihr wart apathisch, ihr habt euch selbst und eure Ursprünge vergessen, ihr müsst euch wieder an euch selbst erinnern. Natürlich gibt es in der Geschichte alles Mögliche, aber man wählt eine bestimmte Episode, die zu den Bedürfnissen der Gegenwart passt und rüstet sie zu einem gemeinsamen Mythos der Herkunft auf.

Wie gehen wir heute damit um? Seit ihrer Entstehung haben sich die Nationen verändert. Ist denn der Begriff der Nation heute überhaupt noch gültig?

Der Begriff der Nation ist als ein liberales Konzept entstanden. In Frankreich lautete es: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und war mit der Gleichstellung unterschiedlicher Klassen, Rassen und Religionen verbunden. Die Herkunft spielte keine Rolle, was vor allem für die jüdische Bevölkerung eine große Befreiung war. In dem Moment aber, wo sich die neue Nation konstituiert hat, besteht die Gefahr des Umkippens. In Deutschland war die liberale Revolution von 1848 gescheitert. Die Veränderung kam in anderer Form als „Deutsches Reich“, welches mit einem militärischen Sieg über Frankreich begann und zunehmend antisemitische Züge angenommen hat. Von Heinrich von Treitschke stammt der Satz „Die Juden sind unser Unglück“, der in der NS-Zeit dann in den Schulen an die Tafeln der ersten Klasse geschrieben wurde. Er stammt aber aus dem Kaiserreich, der Zeit der imperialen Ausdehnung Deutschlands als Kriegs- und Kolonialmacht. Man hat im Nationenkonzept also immer beides: Nation ist eine große Integrationsmaschine. Das gilt von Anfang an in der Kultur, die auf der Vereinheitlichung und Standardisierung einer Nationalsprache gründet. Vor Shakespeare sprach die Oberschicht Englands zeitweise Französisch oder in regionalen Dialekten, sodass man sich über längere Distanzen nicht unterhalten konnte. Daraus entwickelte sich eine Nationalkultur, in der man intern kommunizieren und sich mit anderen Nationen in Beziehung setzen konnte. Die Aufgabe des Lateinischen als Verkehrssprache und die Erhebung der Volkssprachen zu Schriftsprachen legte die Grundlage für die Vielfalt in Europa. Die europäischen Nationen beobachteten sich genau und standen in einem Wettbewerb zueinander. Man schätzte einander und wollte sich gegenseitig überbieten.

Andererseits droht die Exklusion?

Die Nation als kollektives Wir ist immer abhängig gewesen von der Geschichte eines Außenfeindes und einem Fremdbild, von dem man sich absetzt. Das hat zur Integration beigetragen. Ein Zusammenschluss, bei dem man wusste, wogegen man sich da zusammentut. Mit den modernen Nationen ist das Konzept der ethnischen Homogenität entstanden und damit zugleich das einer „Minderheit“, von der man sich absetzt, die man ausschließt, und die man verfolgt. Warum? Weil man sie abwertet, um sich selbst aufzuwerten. In dieser Form ist der Nationalismus so gewalttätig geworden, dass er genozidal wurde, speziell im Nationalsozialismus. Das Zusammentreiben und die Ermordung der europäischen Juden hatte im Zweiten Weltkrieg keine strategische Bedeutung. Es war eine entfesselte Form von Gewalt, die von einem Wahn ausging. Diese pathologische Verformung, die völlig aus dem Ruder läuft, ist die Form des Nationalismus, an die wir Deutschen denken, wenn wir darüber sprechen. Wir stehen immer noch unter dem Trauma dieser Erfahrung und können uns gar nicht mehr vorstellen, dass wir den Begriff zurückholen können in eine Art von Normalität, geschweige denn ihm eine positive Ausrichtung geben können.

Was bedeutet das aber nun für den heutigen Begriff der Nation? Wie können – oder wie sollen wir in die Zukunft gehen?

Wir können Nationen nicht abschaffen, das geht gar nicht. Die Form des Zusammenschlusses durch eine gemeinsame Kulturgeschichte lässt sich nicht einfach ignorieren oder negieren. Es wäre ahistorisch und vielleicht auch verblendet zu meinen, wir könnten das alles rückgängig machen. Worauf man sich stützen kann, ist ein Konzept von Nation mit dem Integrationspotential, das sie gehabt hat und das sich entschieden von einem ethnischen Nationalismus distanziert. In einem demokratischen Rechtsstaat, wo die Prinzipien der Gleichstellung der Bürger und die Rechtsstaatlichkeit gesichert sind, ist die Pluralität der Gesellschaft geschützt. Dieser Typ der Nation ist gezähmt. Innerhalb eines demokratischen Rechtsstaats kann eine Nation nicht ausufern. Und zweitens kann auch die Nation dem Rechtsstaat zur Legitimation dienen. Nation und Rechtsstaat können sich gegenseitig stützen, statt sich gegenseitig auszuhebeln. Und wieso sollte die Integrationskraft der Nation nicht auch in einer pluralen Gesellschaft und einer Einwanderungsgesellschaft möglich sein? Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass das sehr gut funktioniert. Die USA, Frankreich, England und Kanada, das sind ja alles Nationen, die viel diverser sind als die deutschsprachigen Nationen!

Die Narrationen, welche die Nationen begleiten, beziehen sich meist auf das Vergangene. Wäre es möglich, eine neue Nationalgeschichte zu erfinden, die viel mehr das reflektiert, was wir heute sind?

Mir leuchtet nicht ein, dass man, um das Heute zu definieren, die Vergangenheit vergessen muss. Ich höre immer wieder von Menschen, die meinen, die Vergangenheit sei vergangen, das Museum sei museal und die Gegenwart sehe ganz anders aus. Was heißt denn Gegenwart? Wie lange dauert bei Ihnen die Gegenwart? Wann hat sie angefangen?

Sie ist jetzt schon vorbei.

Schauen Sie, dieses Denken über die Gegenwart, der Fetischismus einer punktuellen und flüchtigen Gegenwart zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Im Denken der Moderne gibt es nach Reinhart Koselleck nur zwei Zeitzonen: den Erwartungshorizont und den Erfahrungsraum. Wir leben in der Gegenwart, die aber überhaupt nicht zu Buche schlägt, denn sie ist ja nur der Kippmoment zwischen Zukunft und Vergangenheit. Die Gegenwart ist gar nicht existent, denn man muss sie erst mal herstellen, unter anderem durch ein Gedächtnis, das noch etwas weiß von der Vergangenheit und sich daraus in Richtung Zukunft entwerfen kann. Der Mensch schafft Gegenwart mit Hilfe von Kulturen. Und Kulturen brauchen Zeit, sie können nicht im Jetzt entstehen und vergehen. Das Jetzt wäre die völlige Entäußerung von allem, womit Menschen ausgestattet sind. Damit wir überhaupt wissen, wo wir sind und wo wir stehen, brauchen wir Informationen über das, wo wir herkommen. Das hält uns aber nicht in der Vergangenheit fest, denn wir verfügen über diese Vergangenheit selektiv, wir suchen uns dieses oder jenes aus.

"Die Erinnerung hat eine durchaus belehrende Kraft."

Wozu brauchen wir die Vergangenheit? Wie wichtig ist das Erinnern für Europa?

Wir brauchen Vergangenheit, um zu verhindern, dass wir Dinge wiederholen, die wir nicht wiederholen wollen. Wenn wir sie nicht erinnern, dann wiederholen wir sie. Das erleben wir im Moment bei den vielen europäischen Nationen, die eben nicht vorwärts gehen, sondern in das Muster des autoritären Staats zurückfallen. Salvini beging den 25. April explizit nicht mehr als Gedenktag zum Ende des faschistischen Regimes in Italien 1945, weil er Mussolini wieder auf den Sockel stellt. Die Erinnerung hat eine durchaus belehrende Kraft. Während die Amerikaner sagen, wir definieren uns nicht über unsere Vergangenheit sondern ausschließlich über die Vision einer gemeinsamen Zukunft, hat Europa, das auf einem Trümmerberg von Gewalt, Kriegen, Blutvergießen und Katastrophen entstanden ist, guten Grund, seine Vergangenheit nicht zu vergessen. Das ist die Gründungsmasse der EU, die immerhin lernen und Lektionen ziehen kann für die Gegenwart und Zukunft.

Sie haben vier europäische Lehren genannt: Die Friedenssicherung, den Umbau von Diktaturen in Demokratien, den Aufbau einer Erinnerungskultur und die Wiederentdeckung der Menschenrechte.

Die beiden ersten Lehren hängen eng miteinander zusammen, denn normalerweise ist es so, dass demokratische Staaten nicht gegeneinander Krieg führen. Ein demokratischer Staat ist schon ein Befriedungsmoment. Nun fängt die Türkei wieder einen Krieg an. Die Demokratien, die aus Diktaturen entstanden sind, haben eine friedensstabilisierende Kraft. Es sind die Verfassungsprinzipien des Staates, sie befestigen die Gewaltenteilung. Die dritte Lehre der dialogischen Erinnerungskultur zeigt, dass wir entscheidende Momente unserer Geschichte nicht vergessen, sondern als Orientierung mitnehmen, was auch hilft, uns mit den Nachbarn auszusöhnen. Die Menschenrechte brauchen wir heute, um unser Konzept der Nation zu erweitern, um eine plurale Gesellschaft zu begründen, das nationale Wir neu zu denken und zu gründen. Diese Lehren sind für uns extrem wichtig. Sie definieren die Gegenwart mit ihren Problemen und beantworten die Frage, wie wir diese Probleme in Zukunft lösen können. Allerdings sind es Lehren und keine Narrative. Sie haben dadurch keine unmittelbar mobilisierende Kraft. Darüber müsste man nachdenken!

Sie sagen, wir müssen uns in den Lehren an die positiven Errungenschaften halten. Wenn wir nun an Die "Hermannsschlacht" denken: Kleists Narration ist sehr gewalttätig.

DIE HERMANNSSCHLACHT beschreibt einen Sieg. Der Krieg steht in dem Drama weniger im Zeichen des Schreckens als dem der Begeisterung. In einem vergleichbaren Zusammenhang setzt Francis Fukuyama in seinem neuen Buch "Identität" den Begriff "thymos" ein, die dritte Seelenkraft aus der griechischen Seelenlehre. "Nous" respektive "logos", steuern den Verstand und "pathos" das Begehren. "Thymos" steht für Affekte wie Mut, Tatkraft, Begeisterungsfähigkeit, aber auch Zorn und Wut und kann ins Berserkertum ausarten. Der zornige Achill verkörpert sie in der "Illias". Diese starke Emotion ist leicht kollektivierbar. Das Geschichtssubjekt eines nationalen Wir, das auf der kollektiven Tatkraft des thymos gründet, findet man in der "Hermannsschlacht". Der Begriff passt sehr gut zu Nationen, die ihren gemeinsamen Willen stärken und sich als Subjekt der Geschichte entdecken und platzieren wollen. DIE HERMANNSSCHLACHT ist ein Schlüsseldrama: Die Römer sind Frankreich, die Sueben sind die Österreicher und die Cherusker sind die Deutschen. Eine historische Konstellation dient Kleist als Beispiel, um zu zeigen, wie er die Gegenwart der Befreiungskriege deutete. In der Zeit der Romantik wurde der neue, moderne Nationalismus von Frankreich auf Deutschland übertragen. Dabei wurde ein neues ethnisches Konzept von Nation entwickelt, das dem kosmopolitischen und liberalen Konzept der Nation entgegenstand. Kleist konnte noch nicht absehen, dass es sich im 19. und 20. Jahrhundert als exkludierende und antisemitische Gegenkraft durchsetzen würde.

Die Hauptfigur geht mit zerstörerischer Kraft vor, bricht das Kriegsrecht und instrumentalisiert die eigene Familie.

Das ist wahrscheinlich die „rettende Gnade“ dieses so gewalttätigen Stückes. Hermann ist eine Zentralfigur, die extrem verstört. Er setzt sich über Formen menschlicher Grundbindungen hinweg. Das Strategische steht im Mittelpunkt, dem alle Werte untergeordnet werden. Das so auszustellen, macht einem Angst. Gleichzeitig, und das ist die große Chance der Kunst, erhellt das Drama die Situation der Figur und zeigt sie in ihrer gesamten Ambivalenz. Über der entfesselten Gewalt liegt die Blaupause der Befreiungskriege, so dass der ethnische Nationalismus mit seiner Erweckung von Anfang an als kompromittiert erscheint. Das ist eine großartige Leistung. Man hat das Stück eigentlich immer nur aufgeführt, wenn man es gebraucht hat, und dann ausgeklammert oder übersehen, was daran kontraproduktiv wäre. Aber dass Sie es aufführen und ausstellen, wie es in seiner selbstzerstörerischen Form funktioniert, ist außerordentlich wichtig.

Die "Hermannsschlacht" bereitet also den Weg zum blutigen Boden Europas zu Beginn des 19. Jahrhunderts?

Wir haben vorhin vom Erweckungsnationalismus gesprochen. Man kann natürlich auch fragen: Soll man schlafende Hunde wecken? Das Wiedererwecken hat hier wohl eher den Zweck einer Katharsis. Es ist fast ein Freud’sches Programm: Wir holen etwas hoch, um es nochmal zu besichtigen und durchzuarbeiten. "Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten", dieser wichtige Text von Freud über das, was in die Latenz abgesackt ist und woran wir nicht mehr denken. Wir glauben, es habe sich erledigt, doch Freud sagt: So ist es nicht, es hat ein unterirdisches Fortleben. Es bleibt und man muss es nochmal mit einer Anstrengung auf die Bühne der Vorstellung und der Erinnerung bringen, in einer dialogischen Form durcharbeiten, um es danach erst ad acta legen zu können.

In Ihrem letzten Buch "Der Europäische Traum" schreiben Sie: „Offenbar kann die europäische Integration nicht fortschreiten, solange sich die monologischen Gedächtnisstrukturen verfestigen. Integration und Friedenssicherung erfordern dialogisches Erinnern.“

Ich meine dialogisch in einer sehr allgemeinen Form und tatsächlich ist das Theater genau der sehr richtige Ort dafür. „Dialogisch“, im Unterschied zu „monologisch“, heißt zunächst einmal die Perspektive eines anderen einnehmen können. Wenn die Bühne etwas kann, ist es, Positionen auf unterschiedliche Personen aufzuteilen. Jeder spricht aus einer anderen Situation heraus. Das ist eine großartige Kulturleistung. Man vernimmt etwas aus verschiedenen Positionen und oft prallen die Stimmen aufeinander und machen Abgründe sichtbar. Der zweite Aspekt, der neben dem Auseinanderlegen und Verhandeln der Perspektiven im Dialog enthalten ist, ist die Empathie. Das Publikum ist in der Lage, die Position eines Anderen mitzuverfolgen, und kann sich in die Gedanken eines anderen Menschen hineinversetzen. Das sind sehr grundlegende menschliche Fähigkeiten, die im Theater nicht nur praktiziert, sondern kulturell eingeübt werden. Und das Theater ist eine Bühne, in der diese anderen, die ausgeschlossenen Perspektiven einen Raum bekommen und zur Sprache kommen. Man kann Stücke natürlich entsprechend kürzen. Dann sind sie monologisch und nicht mehr dialogisch, sie fordern die Zuschauer nicht mehr heraus, sondern sie bestätigen sie in ihren Vorurteilen. Das kann die Bühne genauso gut ermöglichen.

Jede Nation hatte ihr eigenes Pantheon, ihre eigenen Heiligen.

Sie schreiben, man müsse in Europa den komplexen Teppich der Nationalgeschichten zusammenführen. Könnte das die heutige Aufgabe eines Nationaltheaters sein?

Mich als Kulturwissenschaftlerin interessiert, was im 19. Jahrhundert passierte. Wir reden über das Jahrhundert von Kleist. Es war ein Jahrhundert der Säkularisierung. Die Aufgaben der Religionen traten zurück. Das 17. Jahrhundert war die Zeit der Religionskriege und der Theokratie in England. Im 18. Jahrhundert war das vorbei. Der Staat wurde säkular. Aber das Heilige war nicht vorbei. Es wechselte nur den Ort. Im 19. Jahrhundert wechselte es in die Kunst und in die Nation. Das eine bestätigte dabei das andere. Die Kunst war das Format, in dem die Nation zum Glänzen kam. Man hat angefangen, den Kanon der heiligen Dichter aufzubauen und hat im Zentrum der Städte, wo vorher die Kathedralen standen, Musentempel gebaut. Als Tempel der Kunst haben sie eine quasi sakrale Gestalt und wurden zu Stützen der Nation. Jede Nation hatte ihr eigenes Pantheon, ihre eigenen Heiligen. Daher die Nationaltheater, die Nationalmuseen, die Nationalliteratur. Ich finde es wichtig, dass sie an diese Tradition erinnern und auch nationale Dramen auf die Bühne bringen, um dieses Konzept des Nationaltheaters als ein historisches zu durchleuchten. Denn wir sind nicht mehr in der Situation, dass wir sagen, wir brauchen die Kunst, um die Nationen zu überhöhen, sondern wir brauchen die Kunst, um die Nationen in ihre Schranken zu weisen.

Trägt ein Nationaltheater nicht zu viel vergangenen Ballast mit sich herum?

Ich wurde den Negativballast eines Nationaltheaters nicht gleich in den Mittelpunkt stellen. Die Sakralisierung der Nation ist eine ganz folgenreiche, bis heute sehr gefährliche Entwicklung, nicht nur in der EU. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs musste sich Russland neu definieren und hat seine Revolutionsidentität völlig aufgegeben. Stalinismus und Leninismus waren vorbei, die Revolution wurde aus der Geschichte und der Erinnerung gestrichen. Russland musste sich eine neue Erzählung zurechtlegen. Das neue Format des politischen Zusammenhalts würde der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts. Stellen Sie sich vor, ein Land, das vorher ausschließlich transnational funktionierte, mutiert plötzlich in einen Nationalstaat. Und in diesem Nationalstaat rückt die Nation in die Systemstelle des Heiligen ein. Dasselbe passiert auch gerade in China. In beiden Fällen macht die Sakralisierung der Nation den Staat militant und gefährlich für Minderheiten und Randgruppen, die als Fremde, Feinde und Terroristen abgestempelt werden. Dahinter steht ein neuer Patriotismus, der die Qualität eines Glaubensbekenntnisses annimmt und alle, die andere Lebensformen oder Perspektiven vertreten, als Verräter brandmarkt.

All das entstand im 19. Jahrhundert …

 … aber wir haben es immer noch mit denselben Komponenten zu tun. Ich möchte aber auch betonen: Es muss nicht in diese Richtung gehen, die wir gerade wieder erleben. Im 19. Jahrhundert waren die vielen Nationaltheater zunächst typisch europäische Momente der Vervielfältigung und der Pluralisierung. Wir sind ja auch mit Recht stolz auf dieses Europa. Dass man nach Oslo kommt und dort in ein Nationaltheater gehen und Ibsen auf der Bühne erleben kann, schließt ja nicht aus, dass auch andere Dramen übersetzt und gespielt werden, man sich von Nationaltheater zu Nationaltheater verständigt und Verbindungen herstellt. Das ist noch kein Gegeneinander, das ist die Ausdifferenzierung einer Vielfalt. Auch das ist mit dem Nationaltheater möglich. Ich komme zurück auf die Ambivalenz des Nationenbegriffs: Fluch und Segen. Das sollten wir im Blick behalten. Wir müssen auf der einen Seite sehen, wohin das geführt hat und wohin es auch inzwischen wieder führt. Auf der anderen Seite dürfen wir aber auch die positiven Möglichkeiten der Nation nicht aus den Augen verlieren.

Sie beschreiben eindrücklich, dass die Nationenbildung in den letzten Jahrhunderten mit einer Geschichte der Gewalt einherging. Heute hat sich die Bevölkerungsstruktur wieder verändert. Unsere Gesellschaft setzt sich aus unterschiedlichen Kulturen zusammen. Wie reagiert man als Theater darauf?

Im 19. Jahrhundert waren die Direktoren in den Goethe- und Schiller-Gesellschaften und vor allem die Biografen der Goethe- und Schiller-Biografien Juden, das dürfen wir nicht vergessen. Man konnte sich dadurch in einen Nationalstaat einbringen, dass man sich in die Kultur dieses Landes einschrieb, sich ihr verpflichtete und damit der Nation diente. Das jüdische Bildungsbürgertum investierte in die Künste und nahm einen Anteil an der Nationalkultur, deren Grenzen noch keinen ausschließenden Charakter hatten. Es war immer auch eine europäische Aktivität. Die Landesgrenzen waren nicht geschlossen. Das liberale Kulturbürgertum reiste, handelte, übersetzte. All das hat sich schnell verfinstert, sobald die Grenzen geschlossen wurden. Wir erinnern uns heute im Wesentlichen an diese Ausschlussgeschichte. Wir erinnern uns nicht mehr daran, dass es vorher anders war und dass es die Option der Integration und Vielfalt durch Partizipation gab. Mir scheint wichtig, an das anzuknüpfen, was mal möglich war. Und dass genau diese Vielfalt der Ausdrucksformen und Optionen heute rechtlich gesichert und geschützt werden muss vor dem Hintergrund unserer Geschichte.

Sind Jugendliche heute mit einem zeitlichen Abstand zu dieser Geschichte europäischer?

Die Frage ist, wie man sich als Europäer positioniert. Sind wir auch Europäer oder sind wir nur Europäer? Das ist schon die erste Grundfrage. Das Interessante ist, dass in Europa alle Europäer sind. Aber deswegen vergisst man nicht, dass man sich innerhalb der Landesgrenzen bewegt, in denen man geboren ist, auch zur Schule ging, die Sprache spricht usw. Wenn Sie nach Belgien oder Sizilien reisen, wird Ihnen alles Mögliche anders vorkommen. Das ist nicht der Ort, an dem ich mich genau auskenne und wo ich alles durchschaue – aber wie schön, dass das auch zu uns gehört! Das ist ein Geschenk des Zuwachses an Kultur, Verbindung und Kommunikation. Es ist ein Möglichkeitsraum, den wir nutzen können. Es fängt damit an, dass man reist und Grenzen überwindet. Meine Kinder wurden nicht mal sagen, wir sind überzeugte Europäer, sondern wir sind eher global interessiert. Meine Töchter machen Frauenfußball und holen Geflüchtete in ihre Teams hinein, um ihnen Schutz zu geben und sie zu stützen. Sie nennen das „empowerment“. Fußball ist ein Teamsport. Die Frauen werden Teil der Gruppe, wo sie auch gut aufgehoben sind und integriert werden. Integrationsarbeit ist etwas Praktisches. Sie erzählen sich nicht erstmal ihre Geschichten, sondern spielen zusammen Fußball. Indem man ein gemeinsames Projekt hat, ist man schon beisammen. Und dann kann man sich hinterher auch noch seine Geschichte erzählen.

Wie wichtig ist da die Bemühung, eine gemeinsame Geschichte zu finden?

Die eine gemeinsame europäische Erzählung gibt es nicht und sie sollte es auch nicht geben. Ich würde lieber das festhalten, worauf man sich geeinigt hat und worauf man gründen kann: Die Grundlage nämlich des demokratischen Verfassungsstaates mit der Freiheit für unterschiedliche Lebensformen in einer pluralen Gesellschaft. Entscheidend bleibt die historische Erfahrung, dass man weiß, wie gewalttätig es in Europa zugegangen ist und dass man das gemeinsam verhindern muss. Wir vergessen unsere Geschichte nicht, um zu wissen, wohin wir nicht zurückkehren wollen. Wir wissen, mit wie viel Gewalt und Schmerzen das neue Europa errungen wurden, und wir wollen diejenigen nicht vergessen, die dieses Wunder schafften und ihren Teil dazu beigetragen haben. Dieser europäische Traum bleibt unser Vermächtnis.

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Aleida Assmann

ALEIDA ASSMANN wurde 1947 in Deutschland geboren und ist eine Anglistin, Ägyptologin und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Seit den 1990er Jahren ist ihr Forschungsschwerpunkt die Kulturanthropologie, insbesondere die Themen kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen. Assmann ist seit 1993 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz. Sie lehrte und forschte u. a. in Los Angeles, Princeton, Houston, Chicago und Wien. Für ihre Arbeit erhielt Assmann viele Auszeichnungen, u. a. den Paul Watzlawick Ehrenring (2009) und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (mit Jan Assmann, 2018).

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