Statt schnellem Konsum

Playlist
Mieko Suzuki

Mieko Suzuki, die für die Musik von RICHARD II. und GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD, beide Regie Johan Simons, verantwortlich zeichnet, präsentiert ihre PLAYLIST.

 

Mieko Suzuki
© SHIRIN K.A.WINIGER
In der Rubrik PLAYLIST werden Ihnen die Songs, Alben und Künstler:innen näher gebracht, die unsere Künstler*innen bei der Produktionsgestaltung begleiteten.

Ich habe mich dafür entschieden, eine Playlist nicht aus einzelnen Tracks, sondern aus ganzen Alben zusammenzustellen. Durch das Hören eines Albums können wir den Zusammenhang zwischen einzelnen Titeln verstehen und die dahinterstehenden Konzepte erleben. Der schnellen Konsumation einzelner Tracks im alltäglichen Leben möchte ich den Vorschlag entgegensetzen, sich bewusst Zeit für ein ganzes Album zu nehmen. Mit dieser Zusammenstellung möchte ich Sie einladen Ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich österreichischen bzw. in Österreich lebenden Künstler*innen zu schenken.

Mieko Suzuki über Ihre Playlist


1 ) BILLY ROISZ - „WALKING THE MONKEY“ (EDITION MEGO) 

Billy Roisz ist eine experimentelle Video- und Klangkünstlerin aus Österreich, eine Pionierin im Bereich audiovisueller Performance. Dies ist ihr erstes Album, in dem sie sich ausschließlich auf Audio beschränkt. Sorgfältig ausbalancierte organische Geräusche und Millionen von Partikeln stehen in ständiger Wechselwirkung zueinander. Wie Lebewesen kriechen sie in mein Gehirn, erzeugen Schwingungen in meinen Knochen, gelangen in die Blutgefäße und zirkulieren schließlich durch meinen ganzen Körper. Damit möchte ich sagen, dass Musik sich anders ausdrückt als Sprache oder Worte. Die Zwischentöne, die Abstufung von Dynamik und Intensität, die zeitliche Existenz, die Interpretationsfreiheit und die Sensibilität sind mit Worten nicht zu beschreiben. 

2 ) CHRA - „DERIVE“ (COMFORTZONE) 

"Derive" war 2009 die erste Veröffentlichung des Wiener Elektronic Music-Labels Comfortzone. Chra alias Christina Nemec ist eine österreichische Klangkünstlerin und betreibt dieses Label zusammen mit Konstantin Drobil, der in den frühen 1990er Jahren das Wiener Label Trost Records gründete. Nach einer Phase des Experimentierens mit tiefen Frequenzen und Geräuscheffekten begann Chra mit clubtauglicheren Beats zu arbeiten. Dabei verwendete sie Sinuswellen, die sie mit einem Kassettenrekorder und anderen analogen und digitalen Tools bearbeitete, um Landschaften, Territorien, Stille und außergewöhnliche und extreme Situationen zu beschreiben. "Derive" enthält die ganze Bandbreite ihres unverwechselbaren Sounds.. 

3 ) CONTAGIOUS- „CONTAGIOUS“ (MORPHINE RECORDS)

Contagious ist ein Improvisationstrio, bestehend aus zwei meiner Lieblingskünstlerinnen der Berliner Improvisationsszene, Andrea Neumann und Sabine Ercklentz –  und mir. Die einzelnen Klänge der Saiten von Andreas selbstgefertigtem Innenklavier, die bearbeiteten Klänge von Sabines Trompete sowie von meinen Field Recordings und Turntables bleiben immer offen, damit sie aufeinander reagieren und zirkulieren können. Der Sound ist eine Textur, bei der die Geräte für die Bearbeitung von Klängen ständig neue Formen und Ausprägungen entstehen lassen. Bei jedem Konzert nehmen wir eine Zeichnung oder ein Bild von imaginären Tieren als Inspirationsquelle. Wir verwenden sie für eine gemeinsame Meditation. Auf diese Weise finden wir eine gemeinsame Ebene, bevor wir uns auf eine Reise ins Unbekannte begeben. Das ist unser erstes Album, "Contagious". Die ausgewählten Tracks sind nach Zwitterwesen in der Tierwelt benannt. Ich hoffe, Ihnen gefällt der Klang der Lebewesen, der so enigmatisch und lebendig wirkt. 

4 ) ELECTRIC INDIGO- „FERRUM“ (EDITION MEGO)

Electric Indigo stammt aus Wien. Sie lebt und arbeitet hier auch als DJ, Komponistin und Musikerin. Sie gründete female:pressure, ein internationales Netzwerk von weiblichen, Trans- und nicht-binären Künstler*innen aus den Bereichen elektronische Musik und digitale Kunst. Durch sie als Feministin habe ich über die Jahre viel Inspiration erhalten, aber auch durch ihre DJ Sets, Live Auftritte und Kompositionen. Sie hat immer ein klares Ziel. Das Album "Ferrum" entstand, indem Aufnahmen verschiedener Metallobjekte verändert wurden. Electric Indigo legt dabei eine hochsensible, mikroskopische granulare Klangebene über klare Strukturen. Es ist einzigartig und besitzt Humor – genau wie die Künstlerin selbst.

5 ) KÖNIG- „MESSING“ (VENTIL RECORDS)

König alias Lukas König ist mehr als ein Schlagzeuger. Ich habe den österreichischen Musiker 2020 beim Musikfestival FK:K in Nürnberg entdeckt, wo ich mit Contagious am selben Abend wie er aufgetreten bin. Auf diesem Album mit dem Titel "Messing" hat er beschlossen, sich nur auf ein einziges Schlagzeugbecken (aus Messing) als Klangquelle zu konzentrieren. Das Becken wurde grob bearbeitet. Dadurch war die gesamte Oberfläche unregelmäßig und erzeugte von jeder Seite einen anderen Klang. Der Klang wurde dann mit verschiedenen Effekten bearbeitet, wodurch sich dem Künstler ständig neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffneten. Ich bin begeistert von seinem eklektischen Ansatz, denn er führt zu einer unglaublichen Kraft und Dynamik, zu einer neuen Komplexität der rhythmischen Muster. Die Verbindung von Gesetzmäßigkeit, einer Vielfalt einzigartiger Klänge und einem besonderen akusmatischen Sound ist einfach großartig.

6 ) ROJIN SHARAFI- „KARIZ“ (VENTIL RECORDS)

Rojin Sharafi wurde in Teheran geboren und lebt in Wien. Sie ist Klangkünstlerin und Komponistin von elektro-akustischer Musik. Ihr neues Album, "Kariz", entstand in langen Improvisationssitzungen unter Verwendung von Live-Elektronik (Max/MSP Patches), analogen Synthesizern, einem selbstprogrammierten Microtone-Sequenzer mit unregelmäßigem Takt, zwei Drum Maschinen und akustischen Instrumenten wie einer Santur und einem präparierten Klavier. Narrative Schichten, zufällige Dialoge, Vergangenheit und Gegenwart, Digitales und Analoges, Akustik und Elektronik, Vorder- und Hintergrund – all das tauscht die Rollen und überschneidet sich. Dieses Album hat meine Wahrnehmung verändert. 

7 ) SAINKHO NAMTCHYLAK-„LOST RIVERS“ (FMP RECORDS) 

„Musik ist ein Fluss in Bewegung“, sagt Sainkho Namtchylak. Die experimentelle Sängerin und Performance Künstlerin wurde in Tuwa in Zentralasien geboren und lebt jetzt in Wien. Mit “Lost Rivers” nahm sie 1991 in Berlin ein reines Solo-Vokalalbum auf. Ihre hypnotische Stimme, ihre schamanistischen Gesänge und ihr Obertongesang spiegeln ihre Wurzeln in den Weiten Südsibiriens, an der Nordgrenze der Mongolei wider. Sie sind ein Erbe ihrer nomadischen Großmutter. Mir gefällt es sehr, wie sich bei ihr Herkunft und Tradition zu Avant-Garde entwickeln. Ihre Performance ist extrem, doch gleichzeitig hat sie etwas Heilendes. 

8 ) STEFAN FRAUNBERGER- „QUELLGEISTER“ (MORPHINE RECORDS) 

Der österreichische Künstler und Komponist Stefan Fraunberger untersucht den Einfluss der Natur auf die Kultur. Seine Aufnahmen wurden mit einer Orgel aus dem 19. Jahrhundert eingespielt, die in einer Kirche in Transsylvanien steht. Diese Orgel ist nie renoviert oder modernisiert worden. Es ist als würde der Tod als Teil der Schönheit der Natur gewürdigt. Ich genieße es sehr, dem Klang zu folgen, dem Strom der Luft durch die Pfeifen, den Texturen des verfallenen Holzes, der mechanischen Resonanz im Raum, den unvollkommenen Drone Sounds und den hohen, spektralen Tönen, die Geister und Teufel aus vergangenen Jahrhunderten herbeirufen. Es ist eine Zeitreise in unheimliches Territorium.

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