"Sprache hat eine unglaubliche Macht"

Andreas Karlaganis im Gespräch mit Nikolaus Habjan

Nikolaus Habjan, im Hintergrund: Dorothee Hartinger, Michael Maertens

Der Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan beschäftigt sich in seinen Arbeiten sowohl mit der Geschichte Österreichs als auch mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation des Landes und bringt Texte von zeitgenössischen Österreicher*innen wie Elfriede Jelinek, Paulus Hochgatterer und Franzobel auf die Bühne. Franzobels Adaption des Romans „Der Leichenverbrenner“ von Ladislav Fuks wiederum spielt im präfaschistischen Prag der 30er Jahre. 

Eine Deiner ersten Arbeiten für das Theater war „F. Zawrel - erbbiologisch und sozial minderwertig“ aus dem Jahr 2012, die heute noch im Akademietheater zu sehen ist. Ein dokumentarisches Theaterstück über ein Opfer der Euthanasie in der NS-Zeit. Was bewegt Dich dazu, Stoffe wie diese auf die Bühne zu bringen? 

Ich bin auf der Suche nach Gründen für unsere gegenwärtige Situation. Warum verhalten sich heutzutage Menschen bei Wahlen in einer gewissen Art und Weise? Warum schlägt das Pendel nach rechts aus? Warum reagiert man so teilnahmslos darauf, dass Leute im Mittelmeer ertrinken? Meistens finde ich Antworten in unserer nicht richtig aufgearbeiteten Vergangenheit, sei das die Zwischenkriegszeit, sei das die Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Diese Zeit erscheint mir so unglaublich wichtig, weil sie so viel für mich verständlich macht, und erzählt, warum unsere Welt heute so tickt. 

Mit Deinen Puppen bringst Du die verdrängte Vergangenheit zu Tage?

Die Puppe ist Projektionsfläche. Sie funktioniert, wenn man etwas, das zutiefst aus einem selbst kommt, in sie hineinlegt. Dann beginnt sie zu leben und erwischt das Publikum unmittelbar.

Worte wie „Kollektivschuld“ lösen mittlerweile eher Ablehnung aus. Man möchte sich mit dieser Zeit nicht mehr auseinandersetzen. Ich kann nur für mich sprechen, aber in meiner Schulzeit haben wir uns falsch mit dem Thema beschäftigt. Das Stück „F. Zawrel - erbbiologisch und sozial minderwertig“ war für mich der erfolgreiche Versuch, dem Publikum diese Zeit auf einer emotionalen Ebene näherzubringen und nicht mit empirischen Zahlen. Mit „Böhm“ habe ich versucht, den Graubereich des Opportunismus spürbar zu machen, aber ohne mich auf eine Seite zu stellen und zu behaupten, Böhm wäre ein nationalsozialistischer Sympathisant gewesen. Im Gegenteil wollte ich das Publikum auf eine Fährte locken. Es sollte sich fragen: „Was würde ich tun, an seiner Stelle?“ Ich möchte Fragen dieser Art in den Raum stellen. 

„Der Leichenverbrenner“ spielt ebenfalls in dieser Zeit, allerdings in Prag.

Als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe sind mir viele Parallelen zur Gegenwart aufgefallen. Ich will nicht sagen, dass wir nächste Woche wieder in ein totalitäres Regime verfallen, aber ich denke, dass die Motoren, die in den 30er und 40er Jahren aktiv waren, heute genauso laufen. Die Dinge entwickeln sich vielleicht in einer anderen Geschwindigkeit.

Deine Puppen sind in dieser Geschichte grotesk und böse, berühren aber zugleich und haben Humor. 

Die Puppe ist Projektionsfläche. Sie funktioniert, wenn man etwas, das zutiefst aus einem selbst kommt, in sie hineinlegt. Dann beginnt sie zu leben und erwischt das Publikum unmittelbar. Das Stück „F. Zawrel“ wäre nie möglich, wenn ich es als Mensch darstellen würde. 

Der Autor des Romans „Der Leichenverbrenner“ Ladislav Fuks ist hierzulande kaum bekannt. Wie bist Du auf diesen Stoff aus der tschechischen Nachkriegszeit gestoßen? 

Durch Zufall. Ich glaube, ich habe es im Bücherregal meines Großvaters entdeckt. Ich habe es mir geschnappt und in einer Nacht aufgesaugt. Ich habe ein Faible für Grusel- und Horrorliteratur. Eine meiner Lieblingsgeschichten als Kind war „Der Wij“ von Gogol. Als ich den „Leichenverbrenner“ aufschlug erwartete ich etwas in dieser Art. Es war dann eine ganz andere Geschichte, die mich auf eine ganz unerwartete Weise fesselte und nie wieder losliess. Das Buch verstört, weil es nicht wirklich einordenbar ist. Es bleibt in einer eigenartigen Halbwelt, so realistisch wie absurd. Es sind Bilder, die ich erst Jahre später verstehen konnte. Ich musste sie erst gären lassen und eigene Erfahrungen machen. 

Im Zentrum der Geschichte steht Karel Kopfrkringl, ein liebevoller Familienvater, der im städtischen Krematorium arbeitet und schleichend zum Mörder im nationalsozialistischen Regime wird. 

Kopfrkingl ist kleiner Mensch, der von ganz grossen Dingen träumt und Ideen einer kosmischen Wiedergeburt hat. Er lebt und arbeitet in einem Tabubereich des menschlichen Lebens und steht auf eine intime Art und Weise jeden Tag mit dem Tod in Verbindung. Er beginnt, den Gedanken der Wiedergeburt zu instrumentalisieren und zu nutzen, um sich selbst zu entschulden. Wir werden Zeuge, wie sich seine kleine, heile Welt immer mehr infiziert, bis sie kollabiert. 

Würdest Du ihn als einen pathologischen Einzelfall beschreiben? Oder ist er ein Jedermann? 

Man kann einerseits sagen, es ist ein armer Irrer, der einer Psychose zum Opfer fällt, nationalsozialistische Ideen entwickelt und seine Familie auslöscht. Man kann aber auch sagen, dass das vielleicht auch passiert wäre, wenn er geistig gesund wäre. Wir können die bequemste Erklärung suchen oder die Unbequemste. Selbst wenn man sagt, er ist ein armer Irrer – im Hinterkopf bleibt der Gedanke: „Das könnte auch genauso Dir passieren“.

Ich möchte von Systemen erzählen, die manipulativ und bewusst aggressiv mit Sprache umgehen, wodurch verbale Gewalt in physische Gewalt umschlägt. Egal, welches Jahrhundert oder welches Jahrzehnt man betrachtet, überall wird man Beispiele dafür finden.

Michael Maertens spielt diese Figur. Dorothee Hartinger, Sabine Haupt und Alexandra Henkel sind seine Familie. Um Kopfrkingl herum erzählst Du eine Welt mit Puppen. Sind sie sein Zerrspiegel, sein Blick auf die Welt?

Er baut sich seine eigene Realität mit seinen Figuren zusammen, Charaktere, von denen man vielleicht annehmen könnte, dass sie vollkommen anders sind, als er bestimmt, wie sie zu sein haben. 

Du spielst, alternierend mit Manuela Linshalm, die Figur des Hetzers Reinke, der Kopfrkingl für seine gesellschaftlichen Zwecke instrumentalisiert. Wer von beiden ist in Deiner Interpretation der Täter: der Hetzer oder derjenige, der gehetzt wird?

Es gehören zwei dazu. Der Hetzer, wie derjenige, der ausführt. Wir erleben den Familienvater, der von den Nazis beeinflusst und zum Täter wird. Vielleicht ist sein Einflüsterer Reinke aber auch ein Teil von Kopfrkingl selbst. Nicht nur in Bezug auf den Nationalsozialismus wissen wir, dass in der Menschheit ein Gewaltpotential schlummert, welches über Nacht auszubrechen vermag und dass in gefestigten Systemen ganz schnell kriegerische Situationen ausbrechen können. 

Siedelst Du diese Welt in der Vergangenheit an? Parallelen zu heute sind leider leicht zu erkennen, wenn man, im aktuellsten Fall, an den „verwirrten Einzeltäter“ in Hanau denkt.

Die Bezüge zur Gegenwart liegen so nahe, dass ich keinen direkten Hinweis brauche. Ich möchte von Systemen erzählen, die manipulativ und bewusst aggressiv mit Sprache umgehen, wodurch verbale Gewalt in physische Gewalt umschlägt. Egal, welches Jahrhundert oder welches Jahrzehnt man betrachtet, überall wird man Beispiele dafür finden. Sprache hat eine unglaubliche Macht, die sich zum Guten wie zum Schlechten wenden kann. Wenn ein Bundeskanzler sagt „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“ und dabei meint „Wir verschließen ganz bewusst einen Fluchtweg und dadurch werden Menschen ertrinken, was als abschreckendes Beispiel dienen soll“, dann lädt er sprachlich dazu ein, noch mehr Gewalt zu produzieren. In einer Stimmung wie dieser wird durch einen Herrn Vilimsky ausgesprochen, dass man Behinderten das Wahlrecht entziehen sollte. Wenn man diese Entwicklung weiterverfolgt, ist man bald nicht mehr weit davon entfernt zu sagen, an Menschen, die kein Soll zur Gesellschaft beitragen können, müsse gespart werden, sie seien weniger wert und müssten vielleicht sogar erlöst werden. Genauso ist es mit dem Vorfall in Hanau. Wenn Höcke von der AfD einen Umsturz propagiert, dürfen wir uns nicht wundern, wenn ein Verrückter das so ernst nimmt, wie Höcke es meint. 

Michael Maertens, Nikolaus Habjan, Sabine Haupt
Fullscreen
Michael Maertens, Nikolaus Habjan, Sabine Haupt

Akademietheater

Der LEICHENVERBRENNER

Franzobel nach dem Roman von Ladislav Fuks

Regie: Nikolaus Habjan

 

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