WIENER STIMMUNG

Autor*innen aus Österreich schreiben für das Burgtheater-Ensemble in Isolation
 

Wien im Frühjahr 2020: Eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungsträger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ leisten alle ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in Österreich lebende Autor*innen eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Aus der Wirklichkeit der Isolation der Schauspieler*innen ist ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster: eine Wien-Parallele aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die wir von April an zwei Mal in der Woche hier veröffentlichen.

 

Mit Texten von: Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Franzobel, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Kathrin Röggla, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Bernhard Studlar, Miroslava Svolikova, Mikael Torfason, Daniel Wisser und Ivna Žic.

 

Samstag, 23. Mai, ab 18 Uhr

WIENER STIMMUNG FOLGE #8: THERE GOES MY SYSTEMRELEVANZ (AGAIN) ((AND AGAIN)) (((AND AGAIN)))

Regie: Marlene Karla Traun
Videoart: Sophie Lux
Dramaturgie: Tobias Herzberg

Im schlafenden Theater führt ein dort zurückgelassener Chor ein Selbstgespräch über die eigene Relevanz. Aus der für ihn gewohnten Position – dem Abseits – analysiert der Chor politische Begriffe, die allzu schnell in unseren Alltag eingegangen sind. Lustvoll bissig und lakonisch nimmt Thomas Köck Polit-Rhetorik und ihren fließenden Übergang zum Business-Sprech unter die Lupe und aufs Korn. Wenn Systemrelevanz bedeutet, relevant für ein System zu sein, das Ungerechtigkeiten produziert, dann pfeift sein von Stefanie Dvorak verkörperter Theaterchor gern auf jede Relevanz.

 

Donnerstag, 21. Mai, ab 18 Uhr

WIENER STIMMUNG FOLGE #7: Corona

Videoart: Sophie Lux
Dramaturgie: Andreas Karlaganis

Der Reise-Chronist, Romancier und Essayist Peter Rosei schickt das Corona-Virus dorthin, wo es sich am liebsten aufhält, zu den Menschen. Ein Wiener Couplet auf den Straßen des zweiten Bezirks, interpretiert von Robert Reinagl.

 

Peter Rosei wurde 1946 in Wien geboren. 1968 promovierte er zum Doktor der Rechtswissenschaften. Seit 1972 lebt er als freier Schriftsteller in Wien und auf Reisen. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. Franz-Kafka-Preis 1993, Anton-Wildgans-Preis 1999, Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 2007 und Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 2016. Zuletzt erschienen im Residenzverlag die fünfbändigen Wiener Dateien (2016), Karst (2018) und die Reiseaufzeichnungen Die große Straße (2019).

WIENER STIMMUNG FOLGE #6: bettys monolog

Videoart: Sophie Lux
Tonmischung: Annemarie Schagerl
Dramaturgie: Andreas Karlaganis

Seit März veröffentlicht Marlene Streeruwitz im Standard und auf ihrer Homepage einen Roman in Episoden. Dessen Hauptfigur Betty könnte ein Alter Ego der Dichterin sein. Nun meldet sich Betty in der Wiener Stimmung zu Wort. Sie liegt in ihrer Badewanne auf der Yogamatte, spricht mit ihrem Teddy und begibt sich auf den Heldenplatz aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Bettys Monolog ist ein kluges Denkportrait einer Frau in Isolation und eine scharfe Schilderung der politischen Verfügung über einen alternden Körper. Elisabeth Orth, Kammerschauspielerin und Doyenne des Burgtheaters, verleiht Betty ihre Stimme.

 

Marlene Streeruwitz, in Baden bei Wien geboren, studierte Slawistik und Kunstgeschichte und begann als Regisseurin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter zuletzt den Bremer Literaturpreis und den Preis der Literaturhäuser. Ihr Roman Die Schmerzmacherin. stand 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen die Vorlesungen Das Wundersame Sein der Unwirtlichkeit und der Roman Flammenwand (Longlist Deutscher Buchpreis).

WIENER STIMMUNG FOLGE #5: DIE SEUCHE KENNE ICH GUT

Videoart: Sophie Lux
Dramaturgie: Rita Czapka

Wenn die Straßen zu engen Schluchten werden und aus der Stadt kein Weg mehr hinausführt… Die österreichische Dramatikerin Miroslava Svolikova (die hockenden, Burgtheater 2016 und europa flieht nach europa, Burgtheater 2018) lässt die Seuche die Hauswände hochkriechen und die Menschen zu ihren eigenen Spiegelbildern erstarren.

Miroslava Svolikova, geboren 1986 in Wien, studierte Philosophie in Wien und Paris, bildende Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien und Szenisches Schreiben beim Dramaforum von uniT Graz. Svolikova lebt und arbeitet in Wien, schreibt Dramen und Texte, macht Musik und betreibt das Kunstprojekt YYY. Sie wurde ausgezeichnet mit dem Retzhofer Dramapreis, dem Hermann-Sudermann-Preis im Rahmen der Autorentheatertage Berlin, war Hans-Gratzer-Stipendiatin des Schauspielhauses Wien und wurde 2018 als bester weiblicher Nachwuchs für den Nestroy-Preis nominiert.

WIENER STIMMUNG FOLGE #4: ILVY

Videoart: Sophie Lux

Dramaturgie: Claudia Kaufmann-Freßner


Ilvys Literaturzirkel erfreut sich während des Corona-bedingten Cocoonings größter Beliebtheit. Das ist aber nur einer der Gründe, weswegen die Bloggerin das nahende Ende des Zauberbergfeelings bedauert. Die Quarantäne hat in ihrem Liebesleben zu endgültigen Entscheidungen geführt – und deren Ende erfordert nun drastische Maßnahmen.

David Schalko, geboren 1973, ist Schriftsteller und Filmregisseur. Als Filmemacher wurde er einem breiteren Publikum bekannt durch Arbeiten wie SENDUNG OHNE NAMEN, AUFSCHNEIDER, BRAUNSCHLAG und ALTES GELD. Als Schriftsteller veröffentlichte er zuletzt den Roman SCHWERE KNOCHEN bei Kiepenheuer und Witsch, wo im Jänner 2021 auch sein neues Buch BAD REGINA erscheint.

WIENER STIMMUNG FOLGE #3: APFELSTRUDEL

Regie und Schnitt: Mikael Torfason

Videoart: Sophie Lux

Dramaturgie: Alexander Kerlin

Übersetzung: Damián Dabloa

Sprechcoaching: Almuth Hattwich

 

"In Krisen haben alte Familien- und Rollenbilder Hochkonjunktur. Das ist derzeit nicht anders. Die propagierten Verhaltensregeln werfen vor allem Frauen in die 1950er-Jahre zurück." (Falter-Journalistin Barbara Tóth im April 2020). Der in Wien lebende Autor und Dramatiker Mikael Torfason hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben – gespielt in der heimischen Küche von Ensemblemitglied Elma Stefanía Ágústsdóttir und ihren beiden Töchtern Ída (2) und Ísold (12).

 

Mikael Torfason, geboren 1974 in Reykjavik, lebt heute in Wien. Torfason hat acht Romane, dutzende Theaterstücke, Fernsehserien und Filme verfasst. Seine letzten Arbeiten waren u.a. DIE EDDA im Burgtheater und EINE ODYSSEE in der Volksbühne Berlin. Derzeit schreibt er ein neues Buch und ein Stück. Sie finden THE VALHALLA MURDERS auf Netflix – für den Fall, dass Sie noch immer eingesperrt sind.

WIENER STIMMUNG Folge #2: KLARE KANTE

Künstlerische Gestaltung:
Sarah Viktoria Frick & Martin Vischer

Videoart:
Sophie Lux

Schnitt:
Martin Vischer 
Dramaturgie: Rita Czapka

 

Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen.

Die österreichische Autorin Kathrin Röggla (Österreichischer Kunstpreis für Literatur 2020) hat einen Text verfasst über die komischen Untiefen der Kommunikation in Corana-Zeiten.

Wiener Stimmung Folge #1: Die Säuberung

Regie: Mechthild Harnischmacher
Videoart: Sophie Lux
Dramaturgie: Andreas Karlaganis

Mit wem der Mann im Spiegel spricht, weiß er selber nicht genau. Auch nicht in welchem Jahr er sich befindet und wie lange die Krise schon andauert. Papiergeld jedenfalls gibt’s für ihn keins mehr, gezählt werden nur noch die Kilos, die er zusätzlich auf die Waage bringt. Vielleicht ist alles ein gigantisches soziologisches Experiment mit dem Paketzusteller und mit noch einpaar, denkt er sich. Zeit für eine Säuberung

Weitere Termine

Regie: Richard Panzenböck
Videoart: Sophie Lux
Dramaturgie: Sabrina Zwach

Thomas Perle beschreibt die Isolation bitterböse aus der Sicht eines älteren Herren, alleinstehend, denunziatorisch und sicherlich traurig oder trauernd. Am Fenster stehend beobachtet er die Welt, die scheinbar solidarisch ist? Wer sieht was und welche Wahrheit gilt? Man folgt den Gedanken von Thomas Perles NACHBARN und fühlt sich unwohl wohl.

Szenische Einrichtung: Dietmar König
Videoart: Sophie Lux
Dramaturgie: Claudia Kaufmann-Freßner

Die eine wird zur Strafe lebendig eingemauert, die andere hat den hilfreichen Faden, der aus dem Labyrinth führt. Was aber, wenn das Gefängnis zum Schutzwall wird, die Wände zum Kokon, wenn das Verlassen des Labyrinths bedrohlicher erscheint als das Verharren darin? Julya Rabinowich spannt den Bogen von der Mythologie in unsere denkwürdige Gegenwart und entdeckt archaische Muster in der neuen Liebe zum social distancing.

Weitere Episoden tba

WIENER STIMMUNG erscheint jeweils am Donnerstag und Samstag um 18 Uhr hier auf der Website und dem YouTube Kanal des Burgtheaters.