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Schnörkellos, Ehrlich, Existenziell

Burgtheaterstudio
von Christina Schlögl Lesedauer 3 Minuten

Die Dramatikerin Julie Maj Jakobsen ist eine der markantesten Stimmen des dänischen Theaters. Mit ABGEFUCKT wird ab dem 19. November 2023 im Vestibül und mobil erstmals eines ihrer Theaterstücke in Österreich aufgeführt. Wovon handeln ihre Dramen und was treibt sie an?

Portrait Julie Maj Jakobsen
© Sofie Amalie Klougart

Jakobsen schreckt in ihren Theaterstücken nicht vor politisch kontroversen Themen zurück. In den letzten Jahren erhielt besonders ihre „Europa-Trilogie“ – bestehend aus den Dramen „Abendland“, „Nach dem Brand“ und „Morgenland“ – große Aufmerksamkeit. Sie stellt darin Fragen nach dem Selbstverständnis von Europäer*innen im Hier und Jetzt. In „Abendland“ kommt es an einer Autobahnraststätte zur Konfrontation zwischen Personen verschiedener sozialer Schichten und Herkunft. Als eine Gruppe fremder Menschen auftaucht, werden kurzerhand die Türen verschlossen. Ähnlich brutal agieren die Figuren in „Nach dem Brand“, das in einem Vorstadt-Ghetto spielt. Im letzten Stück der Trilogie, „Morgenland“, wendet sich Jakobsen schließlich der Generation Identitær zu. Jakobsens „Europa-Trilogie“ gibt Aufschluss über ein zentrales Thema ihres dramatischen Werks: „Wir leben in einer extrem individualisierten Zeit, in der der Einzelne im Mittelpunkt steht. Wie verhält sich das zum Leben in einer Gesellschaft und einer Gemeinschaft? Wo liegen die Grenzen unserer Verantwortung?“ Ihr Schreibstil ist schnörkellos, ehrlich, existenziell. Auch in ihren Jugendstücken zeichnet sie bewegende Portraits junger Menschen und ihrer Identitätskrisen in der Gegenwartsgesellschaft. Dabei nimmt sie die Perspektive der Jugendlichen ebenso wie die der Erwachsenen ein. „Dass sich das Publikum gesehen fühlt – das ist es, was ich selbst mag – wenn ich mich in etwas wiedererkenne, das nicht ich bin oder mit dem ich mich nicht beschäftigt habe“, so die Dramatikerin.

„Dass sich das Publikum gesehen fühlt – das ist es, was ich selbst mag – wenn ich mich in etwas wiedererkenne, das nicht ich bin oder mit dem ich mich nicht beschäftigt habe“

In ABGEFUCKT eröffnet Jakobsen dem Publikum einen Einblick in die Innenwelt von fünf Menschen, die sich erstmals mit finanziellen Problemen auseinandersetzen müssen. Emil und Emma sind beide etwa 15 Jahre alt. Beide haben gelernt, dass nur die dazugehören, die einen persönlichen Stil haben. Emil ist der, der alles hat – das neueste Smartphone, modische Kleidung, Spielekonsolen. Und auch für Emma ist die Frage, wer sie eigentlich ist, zunächst von Äußerlichkeiten abhängig. Bald schon wird ihre Welt jedoch ins Wanken gebracht. Emils Mutter hat sich hoch verschuldet, wodurch Emil binnen kürzester Zeit alles verliert. Auf einmal sehen seine Freunde ihn an wie einen Aussätzigen. Emmas Eltern, Anna und Ulrich, geraten währenddessen in eine schwere Ehekrise. Anna wurde entlassen, traut sich jedoch nicht, es ihrem Mann zu sagen. Immer tiefer gerät sie in ein Geflecht aus Lügen, nur um die Fassade von Erfolg und Wohlstand aufrecht zu erhalten.

Schonungslos und doch voll Empathie lässt Jakobsen diese Geschichte von nur zwei Darsteller*innen erzählen, die in wechselnden Rollen sowohl Emma und Emil als auch deren Eltern verkörpern. Auf diese Weise wird deutlich, wie ähnlich die Probleme von Jugendlichen und Erwachsenen sind und welche Auswirkungen der ständige Zwang zu Konsum und die damit verbundene Suche nach Anerkennung auf sie alle gleichermaßen hat. Dass die Kapitalismus-Spirale zu einem nichtssagenden Selbstbild und in letzter Konsequenz zu einer fatalen Klassifizierung von Menschen führt, diese Erkenntnis ist der Kern von ABGEFUCKT und eine wesentliche Botschaft von Julie Maj Jakobsens gesamtem dramatischen Schreiben.


Porträt der Autorin von Christina Schlögl.

Julie Maj Jakobsen

geboren 1982, schloss 2010 das Dramatiker*innenprogramm am Theater Aarhus ab. Seitdem wurden ihre Stücke an diversen dänischen Theatern gezeigt. Sie ist Hausautorin am Aalborg Theater. 2021 wurde ihr der Allen-Preis verliehen, der ihr gesamtes Werk ehrt.

Infos zum Stück
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Abgefuckt

Vestibül
Julie Maj Jakobsen | Nach einer Geschichte von Julie Maj Jakobsen und Petrea Søe aus dem Dänischen von Franziska Koller
Für junges Publikum

Nur die Spitze des Eisbergs

Burgtheaterstudio
Ein Gespräch mit Leonie Lorena Wyss geführt von Rita Czapka, das Einblick in die Entstehung und Konzeption von Wyss' MUTTERTIER gibt – das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2023.

Das Licht der letzten Generation

Burgtheaterstudio
Ein Beitrag von Bernhard Kogler-Sobl, der als Aktivist der LETZTEN GENERATION eine der gegenwärtig prominentesten klimaaktivistischen Organisationen vertritt.

Schnörkellos, Ehrlich, Existenziell

Burgtheaterstudio
Ein Porträt der Autorin Julie Maj Jakobsen von Christina Schlögl. Was treibt die Dramatikerin an? Wovon handeln ihre Dramen?

Warum sollte man so schnell wie möglich erwachsen werden?

Burgtheaterstudio
Im Rahmen der Produktion von Cornelia Funkes HERR DER DIEBE begeben wir uns auf die Suche nach der Antwort, warum man so schnell wie möglich erwachsen werden sollte.

Musen und Dämonen

Burgtheaterstudio
Anja Sczilinski, Katrin Artl und Anna Manzano über den Prozess des Theatermachens und über Geister. Sowohl eingebildete als auch reale.

Trugbild und Erzählung

Burgtheaterstudio
Der Schweizer Autor Lucien Haug über sein Stück ÜBER NACHT und den Schaffensprozess. Premiere ist im Vestibül am 2. April 2023.

Der Weg ist das Ziel

Burgtheaterstudio
Regisseurin Verena Holztrattner über WIE IDA EINEN SCHATZ VERSTECKT UND JAKOB KEINEN FINDET - Premiere am 11. Dezember 2022 im Vestibül

Verzerrt & Verrückt

Burgtheaterstudio
Gespräch mit Mia Constantine über BAMBI & DIE THEMEN - Premiere am 29.01.2023 im Vestibül.

„Der Ikarus-Mythos gehört allen“

This information is currently only available in German. Anne Aschenbrenner im Gespräch mit Mechthild Harnischmacher und Maike Müller zu ICH, IKARUS anlässlich der STELLA-Preisverleihung 2022.

"Für Aktivitäten, die aggressiv sind, stehe ich nicht zu Verfügung"

PROBENEINBLICKE #8: MEIN ZIEMLICH SELTSAMER FREUND WALTER. Mit Richard Panzenböck, Ludwig Wendelin Weißenberger & Pia Zimmermann
Magazin #16: Aufstehen

Protokoll: EUROPA IM DISKURS zum Nahostkonflikt

Die erste Ausgabe von EUROPA IN DISKURS in der Spielzeit 2023/24 in ganzer Länge zum Nachlesen. Mit Politikwissenschaftlerin Rula Hardal, Nahostexpertin Gudrun Harrer, Außenminister Alexander Schallenberg und Politikberaterin Dahlia Schei

Warum sollte man so schnell wie möglich erwachsen werden?

Burgtheaterstudio
Im Rahmen der Produktion von Cornelia Funkes HERR DER DIEBE begeben wir uns auf die Suche nach der Antwort, warum man so schnell wie möglich erwachsen werden sollte.

Fragebogen #8: Die Nebenwirkungen

Fragebogen
Wir haben den Journalist, Autor und Podcaster Andreas Sator eingeladen, eine Vorstellung von Jonathan Spectors Stück DIE NEBENWIRKUNGEN zu besuchen – seine Eindrücke teilt er mit uns im Fragebogen.

Schreibweisen #8: Sinfonien des Grauens

Schreibweisen
Wir haben Gerhild Steinbuch gebeten, uns einen Einblick in ihren Schreibprozess für NOSFERATU zu gewähren. Das Stück feiert am 19. Jänner 2024 Premiere im Burgtheater.

Synapsen Arpeggio Forever

Playlist
#7: Playlist: Thomas Köck zum musikalischen Fundament seines Stücks SOLASTALGIA.

Backstage bei DER MENSCHENFEIND

Einblicke in den Produktionsprozess zu Molières DER MENSCHENFEIND, festgehalten von der Fotografin Marcella Ruiz Cruz. Die Inszenierung von Martin Kušej feierte am 18. November 2023 Premiere im Burgtheater.

Die Wissenschaft der Empathie

Was kann Literatur der Welt von heute entgegensetzen? Auszüge aus Nino Haratischwilis Rede anlässlich ihrer Ernennung zur Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim. Ihre Überschreibung PHÄDRA, IN FLAMMEN sehen Sie im Akademietheater.

Büchners Flucht

Fundstück
Robert Walser schildert 1912 Büchners Flucht nach Straßburg. „Die Tragödie der Revolutionäre“, DANTONS TOD, feiert am 16. Dezember Premiere im Burgtheater.

Brief aus... #5 Ohio

Brief aus ...
Der US-amerikanische Regisseur Daniel Kramer teilt in seinem Brief aus dem Bible Belt Erinnerungen und Gedanken an sein Aufwachsen in Ohio und gibt damit den Hinweis auf eine wesentliche Inspirationsquelle seiner Inszenierung KASPAR.

OHMANNOSPHÄRE

Am 15. Dezember feiert Ferdinand Schmalz' Stück HILDENSAGA. EIN KÖNIGINNENDRAMA im Akademietheater Premiere. Für unser Magazin verfasste Ferdinand Schmalz einen Text über die „Mannosphären“ unserer Zeit.
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