SCHREIBWEISEN #4: DAS DIGITALE SICHTBAR MACHEN

Schreibweisen
von LAOKOON

Die Gruppe Laokoon (Cosima Terrasse, Moritz Riesewieck, Hans Block), die sich mit der Uraufführung ihrer Arbeit Keine Menschenseele am 12. Mai 2022 dem Wiener Publikum vorstellen wird, gibt hier vorab einen Einblick in den Kosmos, aus dem sie ihre Ideen schöpft – vom antiken Troja bis ins digitale Zeitalter.

Cosima Terrasse, Moritz Riesewieck, Hans Block
© Paula Reissig
Schreibweisen gibt es so viele, wie es Autor*innen gibt. In der neuen Rubrik geben Theatermacher*innen Einblicke in ihre Arbeitsprozesse. Wie entsteht ein neues Stück?

Gestatten, Laokoon nennen wir uns, nach dem Mythos vom trojanischen Seher. Was für unseren Namensgeber das Holzpferd war, sind für uns die Blackboxes des Digitalen, allen voran die so genannte Künstliche Intelligenz. Wie die Trojaner vor dem Gaul der Griechen, stehen auch wir Menschen des Digitalzeitalters zu ehrfürchtig vor den Verheißungen unserer Zeit.

Weltanschauungen und Menschenbilder begegnen uns in Form von Geschenken des Fortschritts, die wir dankend annehmen, ehe wir alle uns darüber klar werden, was sich in ihnen verbirgt. Die doppelte (und dreifache, vierfache ...) Gestalt des Digitalen sichtbar zu machen, ist deshalb unser Antrieb als Künstler*innen. Daran forschen wir und arbeiten dafür mit Programmierer*innen und Wissenschaftler*innen, ebenso wie mit Schauspieler*innen und anderen Künstler*innen zusammen.

So wie der Speer Laokoons abprallen musste, am Holzpanzer des Pferdes, ist auch im Digitalen die Oberfläche nur schwer zu durchdringen. Das Digitale sichtbar zu machen, heißt für uns, im Theater dort anzuknüpfen, wo das Abbilden endet: mit Bildern, die zeigen, was keine Linse einfangen kann, und einer Sprache, die mehr erzählt als alles, was gesagt wird.

Physisch mag ein Mensch tot sein, digital „lebt“ er weiter, mitten unter Freund*innen und Familienangehörigen.

Unsere erste Arbeit im Kasino des Burgtheaters wird von einer ungeheuerlichen Idee erzählen, deren Umsetzung durch Technologie-Unternehmen bereits begonnen hat: Die Stimme eines Menschen soll mit Hilfe Künstlicher Intelligenz über den biologischen Tod hinaus am Leben erhalten werden. Angehörige und Freund*innen sollen mit ihren Liebsten sprechen können, auch wenn die bereits verstorben sind. Die digitalen Wiedergänger*innen sollen nicht nur klingen wie die Verstorbenen, sondern auch deren Persönlichkeit simulieren, die Art sich auszudrücken, Humor und Empathie kopieren. Auch auf neue, unvorhersehbare Situationen im Alltag sollen sie in der Weise reagieren können, wie es ihre menschlichen Originale getan hätten – wären sie noch am Leben.

Physisch mag ein Mensch tot sein, digital „lebt“ er weiter, mitten unter Freund*innen und Familienangehörigen. Das kann zu kuriosen, tragikomischen Momenten führen, wie wir bei unseren Recherchen in den USA erfahren haben: Liebesschwüre zwischen Mensch und Maschine, Lebensbeichten, Missverständnisse. In einem Fall sprach die Ehefrau eines noch lebenden Mannes mit seiner „Kopie“, während der Gatte von der Zimmerecke aus zusah. Je länger das Gespräch andauerte und je angeregter seine Frau mit seinem digitalen Klon scherzte, desto unzufriedener wurde der Mann mit der Situation, bis er schließlich einzuschreiten versuchte, indem er die Richtigkeit dessen, was sein digitaler Wiedergänger über „sein“ Leben erzählte, in Frage stellte. Der Versuch scheiterte kläglich: Der Mann geriet durcheinander und musste sich von seinem Klon über seine eigenen Erlebnisse berichtigen lassen. 

Wer sollte entscheiden dürfen, wie wir erinnert werden? Wir selbst oder die, die mit diesen Erinnerungen leben müssen?

Während Religionen in Westeuropa in den letzten Jahrzehnten massiv an Bedeutung verloren hat und Menschen nach neuen, weltlichen Heilsversprechen suchen, die sie von der Fatalität des Todes befreien, ist mit der Künstlichen Intelligenz eine Entität in unser kollektives Bewusstsein getreten, die mit allerhand Projektionen und Mythen und also auch quasi magischen Fähigkeiten belegt werden kann. Seit zwei Jahrzehnten teilen wir per Handy und im Netz unsere Gedanken und Empfindungen mit anderen und hinterlassen so massenhaft Daten, die tiefe Einblicke in unsere seelischen Zustände erlauben. Aus diesen Daten lassen sich virtuelle Agent*innen trainieren, digitale Wesen, die mithilfe Künstlicher Neuronaler Netze lernen, wie der jeweilige Mensch zu sprechen und zu agieren, von dem die gesammelten Daten stammen. Und die deshalb selbst dann noch sprechen können wie er, wenn er längst verstummt, weil verstorben ist. Der tote Mensch kann sich nicht wehren gegen das, was ihm in den Mund gelegt und von seiner eigenen Stimme gesagt wird, kann dafür aber auch keine Verantwortung übernehmen.

Die Kund*innen, die ihre verstorbenen Liebsten wie ein Netflix-Abo buchen, wünschen sich, die originären Ausdrücke der Freude, der Anteilnahme, der Liebe, der Angst, der Hoffnung, der Sehnsucht – all das also, was den Charakter der Toten zu Lebzeiten einzigartig machte – wiederzuerkennen in den digitalen Klonen. Wie aber steht es um Geheimnisse? Dinge, die sich von Algorithmen anhand der gebündelten Daten unschwer ermitteln lassen, während die Toten sie womöglich ein Leben lang erfolgreich vor ihren Liebsten verborgen haben? Wie steht es um unangenehme Wahrheiten über die Toten, die sich aus den persönlichen Daten ergeben? Sollen die digitalen Wiedergänger*innen auch diese Seiten der Verstorbenen haben?

Wer sollte entscheiden dürfen, wie wir erinnert werden? Wir selbst oder die, die mit diesen Erinnerungen leben müssen? Und was wird aus dem Recht, vergessen zu werden? Wird es schon bald vergessen sein?

Aus diesen Fragen speist sich unser Stück. Antworten geben wird es nicht. Aber es wird uns sehen, hören, fühlen lassen, wie das wäre, wenn die Toten schon bald zu sprechen begännen, mitten unter uns.

Woher wir das wissen?

Nun, wir nennen uns Laokoon.

Die Digitale Seele
© Goldmann Verlag

Laokoon

Die Gruppe Laokoon hat sich zum Ziel gesetzt, die trojanischen Pferde unserer Zeit zu entlarven. Ihre Projekte, die sie in verschiedenen Medienformen entwickeln, beginnen mit Recherchen und enden als komplexe Erzählungen. Aus ihrer Forschungsarbeit zum Thema Digitale Content Moderation entwickelten sie das Theaterstück NACH MANILA am Schauspiel Dortmund und den Dokumentarfilm THE CLEANERS, der seine Weltpremiere auf dem Sundance Filmfestival 2018 feierte.

Die Digitale Thematik arbeiten Moritz Riesewieck und Hans Block ebenfalls in ihrem Buch DIE DIGITALE SEELE, welches am 28.09.2020 erschien auf.

Magazin #11: Beben
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